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Wie Sprache Menschen mit Downsyn­drom ausgrenzt

18/07/2012 | Presse und Medien, Politik und Aktivismus

Wie Sprache Menschen mit Downsyn­drom ausgrenzt – eine Antwort auf Leser­briefe zur Trisomie-Debatte

Osnabrück. Der „Praena“-Test, ein neues Verfahren zur vorge­burt­li­chen Diagnose des Downsyn­droms (Trisomie 21) sorgt für Aufre­gung. Der Bluttest ist gefahr­loser als die bislang übliche Frucht­wasser-Unter­su­chung. Schon jetzt werden neun von zehn Kindern mit Downsyn­drom abgetrieben. Kritiker fürchten, dass es mit „Praena“ noch mehr werden. Sie beklagen das öffent­liche Bild von Menschen mit Trisomie 21. Traut die Gesell­schaft ihnen kein erfülltes Leben zu? Drückt sich das auch in der Sprache aus?

Krank­heiten müssen diagnos­ti­ziert, thera­piert und verhin­dert werden“, schreibt eine Leserin. Damit schließt sie den Begriff für das Downsyn­drom entschieden aus – das man weder thera­pieren noch verhin­dern kann. Ein anderer Leser schlägt eine Alter­na­tive vor: „Es ist keine Krank­heit!“, schreibt er. „Es ist ledig­lich eine andere Ausstat­tung an Körper, Psyche, Sinne und Seele als das, was mir und Ihnen mitge­geben wurde.“

Überzeu­gende Argumente. Fazit: Das Downsyn­drom mag Folge­er­kran­kungen mit sich bringen; es selbst als Krank­heit zu bezeichnen bleibt schief. Leider habe ich es trotzdem schon so geschrieben. Mit gleicher Berech­ti­gung könnte man mich selbst (stark kurzsichtig) als schwer kranken Menschen bezeichnen.

Behin­derte gibt es nicht: Beim Wort „behin­dert“ wird es schon schwie­riger. „Sprechen Sie bitte nicht von den ‚Behin­derten‘. Die gibt es nicht. Mangels Abgren­zungs­mög­lich­keiten gehören auch Sie und ich dazu“, sagt der Leser. „Es gibt nur Menschen, die mehr oder weniger behin­dert sind.“ Für ihn sind nicht die Leute mit Downsyn­drom behin­dert, sondern allen­falls derje­nige, der mit ihnen nicht umzugehen weiß: „Es ist eine gesell­schaft­liche Unvoll­kom­men­heit, ja Behin­de­rung, das Anders­sein eines Menschen nicht annehmen zu können.“ Touché.

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